IVKapitel

Die Backsteingotik

Ein Baustil aus Lehm und Feuer: Wie der Norden ohne Naturstein Kathedralen baute und daraus eine eigene Sprache der Gotik entwickelte.

Material aus der Not

Die Norddeutsche Tiefebene hat keine Steinbrüche. Was die Eiszeit hinterließ, waren Findlinge und Lehm – zu wenig für Kathedralen, zu viel, um darauf zu verzichten. Während im Süden und Westen Europas aus Sandstein und Kalk gebaut wurde, griffen die Baumeister des Nordens seit dem 12. Jahrhundert auf eine Technik zurück, die schon die Römer beherrscht hatten: den gebrannten Ziegel. Lehm wurde geformt, getrocknet und in Feldöfen gebrannt; das Ergebnis war ein normiertes, leichtes und wetterfestes Bauelement, das sich in großer Zahl herstellen ließ.

Aus dieser Beschränkung erwuchs ein eigener Stil. Der Backstein erlaubt keine filigranen Figuren, keine tief hinterschnittenen Maßwerke, keine Bauplastik wie in Reims oder Köln. Stattdessen setzt er auf Fläche, Rhythmus und Farbe: auf lange, ungebrochene Wände, auf den Wechsel von rot gebrannten Ziegeln mit dunkel glasierten Steinen und weiß geputzten Blenden, auf Formsteine für Profile und Gewände. Die Backsteingotik ist eine Architektur der großen Form.

Woran man sie erkennt

  • Blenden und Nischen: Flache, geputzte oder farbig abgesetzte Felder gliedern die Wände und Giebel, wo andernorts Skulpturen stünden.
  • Formsteine: Speziell geformte Ziegel für Rundstäbe, Kehlen und Maßwerk ersetzen den behauenen Werkstein.
  • Glasurziegel: Grün oder schwarz glasierte Steine bilden Muster und Bänder, besonders in Mecklenburg und Vorpommern.
  • Staffel- und Schaugiebel: Hoch aufragende, oft durchbrochene Giebel an Rathäusern und Bürgerhäusern, die den tatsächlichen Dachraum weit überragen.
  • Mächtige Türme und Westfassaden: Die Stadtkirchen tragen Doppelturmfassaden oder gewaltige Einzeltürme, die zugleich als Seezeichen dienten.
  • Hallen- und Basilikalbau: Die Marienkirche in Lübeck übertrug das Schema der französischen Kathedralbasilika mit Strebewerk erstmals in den Backstein.
Backsteinfassade eines Hamburger Kontorhauses mit Rundbogenfenstern und Holztür
Rundbogenfenster, Formsteine, Rhythmus der Fläche: Auch das Hamburger Kontorhaus des 20. Jahrhunderts greift auf das Vokabular des Backsteinbaus zurück. Foto: Wolfgang Weiser / Unsplash

Bedeutende Bauten

Marienkirche, Lübeck

Mit dem gotischen Neubau wurde 1251 begonnen; um die Mitte des 14. Jahrhunderts war die Basilika vollendet. Ihr Mittelschiffgewölbe erreicht 38,5 Meter und zählt zu den höchsten Backsteingewölben der Welt; die beiden Türme ragen rund 125 Meter auf. Die Marienkirche war das Vorbild für Dutzende Stadtkirchen im Ostseeraum – man nennt sie deshalb die Mutterkirche der Backsteingotik. In der Nacht zum Palmsonntag 1942 brannte sie aus; die beim Absturz der Glocken zerschmetterten Bronzen liegen bis heute als Mahnmal in der Südturmkapelle.

Holstentor, Lübeck

Das westliche Stadttor wurde 1464 bis 1478 unter dem Stadtbaumeister Hinrich Helmstede errichtet. Zwei Rundtürme mit kegelförmigen Dächern flankieren den Mittelbau; die Feldseite ist wehrhaft geschlossen, die Stadtseite reich mit Fenstern geöffnet. Das Bauwerk hat sich auf dem weichen Baugrund schief gesetzt – ein Umstand, der ihm seinen eigentümlichen Charakter gibt. Es beherbergt heute ein Museum zur Stadtgeschichte.

Nikolaikirche und Rathaus, Stralsund

Am Alten Markt in Stralsund stehen Rathaus und Nikolaikirche so dicht beieinander, dass sie als eine Fassade wirken. Die Schauwand des Rathauses mit ihren sechs Giebeltürmchen und großen Rundfenstern ist reine Repräsentation: Dahinter liegt kein Raum, nur Himmel. Die Nikolaikirche, Ratskirche der Stadt, folgt dem Lübecker Vorbild als Basilika mit Kapellenkranz und wurde im 14. Jahrhundert vollendet.

Weitere Beispiele

Die Nikolaikirche in Wismar mit ihrem fast 37 Meter hohen Mittelschiff, die Marienkirche in Rostock, der Dom in Schwerin, das Rathaus in Lüneburg und die Zisterzienserklöster Doberan und Chorin zeigen die Spannweite des Stils vom Sakral- zum Profanbau.

Die Europäische Route der Backsteingotik

Am 26. September 2007 wurde in Greifswald der Verein „Europäische Route der Backsteingotik“ gegründet, hervorgegangen aus zwei von der Europäischen Union geförderten Projekten. Die Route verbindet Städte und Bauwerke in Deutschland, Dänemark und Polen; frühere Projektpartner reichten bis nach Schweden und ins Baltikum. Ziel ist es, das Wissen um den Baustil zu bündeln, Restaurierungserfahrungen auszutauschen und die Bauten als gemeinsames europäisches Erbe sichtbar zu machen. Fast alle hier vorgestellten Städte gehören der Route an.

Backstein nach der Gotik

Der Ziegel blieb das Material des Nordens: Die Hamburger Speicherstadt (1885–1927), das Chilehaus (1922–1924) und die Kontorhäuser des Backsteinexpressionismus knüpfen bewusst an die Tradition an – und sind seit 2015 ebenfalls Welterbe. Unsere Bildauswahl zeigt diesen jüngeren Backstein, weil die Fotografien aus Hamburg stammen; der Blick auf Fläche, Fuge und Farbe gilt für beide Epochen.

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