IIKapitel

Geschichte der Hanse

Vom Schutzbündnis fahrender Kaufleute zum mächtigsten Städtebund des mittelalterlichen Europa – und zu seinem leisen Ende im 17. Jahrhundert.

Von der Kaufmannshanse zur Städtehanse

Das Wort „Hanse“ bezeichnete im Althochdeutschen eine Schar oder ein Gefolge. Genau das war die Hanse zunächst: Gruppen niederdeutscher Fernhändler, die im 12. Jahrhundert gemeinsam reisten, um sich auf See und in fremden Häfen gegenseitig zu schützen. Kölner Kaufleute besaßen schon früh ein eigenes Haus in London; 1175/76 gewährte ihnen König Heinrich II. weitreichende Privilegien. Nach der Neugründung Lübecks durch Heinrich den Löwen im Jahr 1159 bildete sich an der Ostsee eine zweite Gruppe, die den Weg nach Gotland und weiter nach Nowgorod erschloss.

Im Laufe des 13. Jahrhunderts verlagerte sich das Gewicht von den einzelnen Kaufleuten auf ihre Heimatstädte. Die Räte der Städte übernahmen es, Privilegien auszuhandeln, Streitigkeiten zu schlichten und bei Bedarf Druck auszuüben. Als 1356 in Lübeck erstmals ein Hansetag zusammentrat, war aus der Kaufmannshanse eine Städtehanse geworden – ein Bund ohne Verfassung, ohne Siegel und ohne eigene Kasse, zusammengehalten allein durch gemeinsame Interessen und das Bewusstsein, Teil derselben Rechtsgemeinschaft zu sein.

Lübeck wurde dabei zum natürlichen Mittelpunkt. Die Stadt war 1226 von Kaiser Friedrich II. reichsfrei gestellt worden, und ihr Stadtrecht, das Lübische Recht, wurde von zahlreichen Städten entlang der Ostseeküste übernommen – von Wismar und Rostock bis nach Reval, dem heutigen Tallinn. Wer nach Lübischem Recht lebte, konnte sich in strittigen Fällen an den Lübecker Rat als Oberhof wenden. So entstand eine Rechtsfamilie, die den Bund von innen festigte.

Die Kontore

Die vier großen Kontore waren die Außenposten der Hanse im Ausland: abgeschlossene Niederlassungen mit eigenen Ordnungen, Ältermännern und Gerichtsbarkeit, in denen die hansischen Kaufleute unter sich lebten und handelten.

KontorOrtCharakter
PeterhofNowgorodDas älteste Kontor, entstanden im frühen 13. Jahrhundert; Umschlagplatz für Pelze und Wachs aus dem russischen Hinterland. 1494 ließ Großfürst Iwan III. das Kontor schließen.
Stalhof (Steelyard)LondonNiederlassung an der Themse mit weitreichenden Zollprivilegien. 1598 hob Königin Elisabeth I. die Privilegien auf; die Gebäude wurden im 19. Jahrhundert verkauft, heute steht dort der Bahnhof Cannon Street.
Tyske BryggenBergenDas Stockfisch-Kontor an der norwegischen Küste, dessen Holzhäuser am Hafen heute Welterbe sind. Das hansische Kontor bestand bis 1754.
Kontor zu BrüggeBrüggeVerbindung zur flandrischen Tuchproduktion und zum Mittelmeerhandel; ohne eigenes abgeschlossenes Quartier. Mit dem Niedergang Brügges wurde es nach Antwerpen verlegt.

Die Kontore unterstanden seit der Mitte des 14. Jahrhunderts den Beschlüssen des Hansetags. Daneben gab es kleinere Faktoreien, etwa in Boston, King's Lynn und an der Südküste Schonens, wo im Herbst der Heringsfang abgewickelt wurde.

Backsteingebäude am Fleet in der Hamburger Speicherstadt
Kontor- und Lagerbauten am Wasser: Der Grundgedanke des Kontors – Handel, Lager und Verwaltung unter einem Dach – prägte Hamburg bis in die Neuzeit. Foto: Silvan Schuppisser / Unsplash

Die Kölner Konföderation und der Frieden von Stralsund

Zum Kräftemessen mit einem Königreich kam es in den 1360er-Jahren. Der dänische König Waldemar IV. Atterdag hatte 1361 Visby auf Gotland erobert und bedrohte die hansischen Privilegien in Schonen. Ein erster Krieg endete für die Städte unglücklich. Am 19. November 1367 schlossen sich daraufhin in Köln hansische Städte zur Kölner Konföderation zusammen – einem befristeten Kriegsbündnis, das Flotten ausrüstete und Kopenhagen angriff.

Der Frieden von Stralsund vom 24. Mai 1370 beendete den Krieg zugunsten der Hanse. Dänemark bestätigte die Handelsfreiheit der hansischen Kaufleute in der Ostsee und ihre zollfreie Stellung in Schonen; die Städte erhielten zudem ein Mitspracherecht bei der dänischen Thronfolge. Der Vertrag gilt als Höhepunkt hansischer Macht – es war der einzige Moment, in dem der Bund wie eine Großmacht auftrat.

Niedergang und letzter Hansetag

Der Abstieg begann nicht mit einer Niederlage, sondern mit vielen kleinen Verschiebungen. Ab 1429 erhob Dänemark am Öresund einen Zoll auf durchfahrende Schiffe. Der Hering wanderte im 15. Jahrhundert von Schonen in die Nordsee ab, wo niederländische Fischer ihn fingen. Englische und holländische Kaufleute drängten in die Ostsee, die Landesfürsten festigten ihre Territorien und verboten ihren Städten Bündnisse. 1494 schloss Iwan III. den Peterhof in Nowgorod, 1598 verlor der Stalhof seine Privilegien.

Die Zahl der Städte, die noch Gesandte zu den Hansetagen schickten, schrumpfte. 1669 kamen in Lübeck zum letzten Mal Vertreter einiger weniger Städte zusammen; ein formeller Auflösungsbeschluss wurde nie gefasst. Lübeck, Hamburg und Bremen verwalteten das gemeinsame Erbe – darunter den Londoner Stalhof, den sie 1852 verkauften – noch bis ins 19. Jahrhundert weiter und tragen bis heute den Titel „Hansestadt“ im Namen.

Die Neue Hanse

1980 gründeten Vertreter ehemaliger Hansestädte im niederländischen Zwolle den Städtebund DIE HANSE neu – nicht als Handelsbündnis, sondern als kulturelles Netzwerk. Heute gehören ihm nach eigenen Angaben über 180 Städte in 16 Ländern an. Jedes Jahr richtet eine andere Stadt die „Internationalen Hansetage der Neuzeit“ aus; der Sitz des Bundes liegt in Lübeck. Die Neue Hanse knüpft an die Idee eines grenzüberschreitenden Austauschs an, der die alte Hanse ausmachte.


Zeitleiste

  1. Gründung Lübecks durch Graf Adolf II. von Schauenburg; 1159 Neugründung durch Heinrich den Löwen.

  2. König Heinrich II. von England privilegiert die Kölner Kaufleute in London – Vorläufer des Stalhofs.

  3. Kaiser Friedrich II. erhebt Lübeck zur freien Reichsstadt. Das Lübische Recht verbreitet sich entlang der Ostsee.

  4. Der Peterhof in Nowgorod entsteht als ältestes Kontor; 1235 Niederlassung in Brügge.

  5. Erster überlieferter Hansetag in Lübeck – die Städtehanse tritt als politischer Verband auf.

  6. Kölner Konföderation gegen Waldemar IV. von Dänemark.

  7. Frieden von Stralsund: Höhepunkt hansischer Macht.

  8. Fertigstellung des Stecknitzkanals zwischen Elbe und Trave – Salzweg von Lüneburg nach Lübeck.

  9. Iwan III. schließt den Peterhof in Nowgorod.

  10. Elisabeth I. hebt die Privilegien des Londoner Stalhofs auf.

  11. Letzter Hansetag in Lübeck.

  12. Neugründung des Städtebunds DIE HANSE in Zwolle.

  13. Eröffnung des Europäischen Hansemuseums in Lübeck.