IIIKapitel

Städteporträts

Acht Städte zwischen Weser und Oder, die den Bund trugen – jede mit eigenem Charakter, eigenen Bauwerken und eigener Rolle im Gefüge der Hanse.

Die Hanse hatte kein einheitliches Gesicht. Lübeck war ihr politisches Haupt, Hamburg der Umschlagplatz zur Nordsee, Bremen der eigensinnige Westen, Lüneburg der Salzlieferant im Binnenland. Die wendischen Städte Wismar, Rostock, Stralsund und Greifswald bildeten mit Lübeck den Kern, der die Beschlüsse der Hansetage am stärksten prägte. Die folgenden Porträts stellen Bauwerke und Daten vor, an denen sich die Hansezeit heute noch ablesen lässt.

Lübeck

Haupt der Hanse · Schleswig-Holstein

Lübeck wurde 1143 gegründet und nach einem Brand 1159 von Heinrich dem Löwen neu angelegt – auf einer Insel zwischen Trave und Wakenitz, deren Grundriss die Altstadt bis heute bestimmt. 1226 wurde die Stadt reichsfrei. Als Sitz der Hansetage und Oberhof des Lübischen Rechts war Lübeck das politische Zentrum des Bundes. Das Holstentor, 1464 bis 1478 als westliches Stadttor errichtet, ist das bekannteste Wahrzeichen; die Marienkirche mit ihren rund 125 Meter hohen Türmen und einem 38,5 Meter hohen Mittelschiffgewölbe gilt als Mutterkirche der Backsteingotik. 1987 wurde die Altstadt als erste Stadt Nordeuropas in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen. Seit 2015 zeigt das Europäische Hansemuseum am Burgkloster die Geschichte des Bundes.

  • Gegr. 1143 / 1159
  • Reichsfrei 1226
  • Holstentor 1464–1478
  • UNESCO 1987
Großes Backsteingebäude mit Bäumen davor in Hamburg
Backstein als Stadtbild: In Hamburg wie in Lübeck prägt der gebrannte Ziegel die Fassaden – vom Mittelalter bis zum Kontorhaus. Foto: Piermario Eva / Unsplash

Hamburg

Tor zur Nordsee · Stadtstaat

Hamburg war neben Lübeck das früheste Mitglied der Städtehanse; die beiden Städte verband der Landweg zwischen Nord- und Ostsee, über den Waren den gefährlichen Seeweg um Jütland umgehen konnten. Aus dem Mittelalter ist in Hamburg wenig erhalten – der Große Brand von 1842 und der Zweite Weltkrieg haben die Altstadt stark verändert. Dafür steht in Hamburg das jüngste hansische Welterbe: die Speicherstadt, von 1885 bis 1927 auf 26 Hektar als Freihafen-Lagerstadt errichtet, und das Kontorhausviertel mit dem Chilehaus von Fritz Höger (1922–1924). Beide wurden 2015 gemeinsam in die UNESCO-Liste aufgenommen. Sie zeigen, wie sich die Kaufmannsstadt mit Backstein, Fleeten und Kontoren bis in die Moderne hinein weiterbaute.

  • Speicherstadt 1885–1927
  • Chilehaus 1922–1924
  • UNESCO 2015

Bremen

Freie Hansestadt an der Weser

Bremen trat der Hanse vergleichsweise spät bei, verließ sie zeitweise wieder und galt im Bund stets als eigenwillig. Sein Rathaus wurde zu Beginn des 15. Jahrhunderts errichtet und erhielt 1608 bis 1612 die prächtige Fassade der Weserrenaissance. Davor steht seit 1404 der steinerne Roland, mit über fünf Metern Figurenhöhe die bekannteste Rolandsstatue Deutschlands und ein Symbol städtischer Freiheit gegenüber dem Erzbischof. Rathaus und Roland wurden 2004 in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen. Südlich des Marktplatzes liegt der Schnoor, das älteste Viertel der Stadt mit Häusern vom 15. bis 18. Jahrhundert. Bremen, Hamburg und Lübeck verwalteten das Erbe der Hanse noch lange nach 1669 gemeinsam.

  • Roland 1404
  • Rathausfassade 1608–1612
  • UNESCO 2004

Rostock

Wendische Hansestadt · Mecklenburg

Rostock erhielt 1218 Lübisches Stadtrecht und wuchs aus drei Teilstädten zusammen, deren Pfarrkirchen – Petri, Nikolai und Marien – noch heute die Silhouette bilden. Die Marienkirche, ein mächtiger Backsteinbau des 13. bis 15. Jahrhunderts, bewahrt eine astronomische Uhr von 1472, die noch mit ihrem originalen Uhrwerk läuft. 1419 wurde in Rostock die erste Universität des Ostseeraums gegründet. Vom Mauerring sind Teile und mehrere Tore erhalten, darunter das Kröpeliner Tor im Westen und das Steintor im Süden. Rostock gehörte zum wendischen Quartier der Hanse, das mit Lübeck an der Spitze den Kurs des Bundes bestimmte, und stellte eine der größten Flotten der Ostsee.

  • Stadtrecht 1218
  • Universität 1419
  • Astronomische Uhr 1472

Wismar

Hafenstadt der Wendischen Hanse

Wismar wurde im frühen 13. Jahrhundert gegründet, und 1256 verlegte der mecklenburgische Landesherr seine Residenz in die Stadt. Mit Lübeck und Rostock schloss Wismar in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts frühe Städtebündnisse, aus denen das wendische Quartier der Hanse hervorging. Der Marktplatz zählt mit rund hundert mal hundert Metern zu den größten Norddeutschlands; die Wasserkunst, ein Brunnenhaus der Renaissance (1580–1602), und die Nikolaikirche mit einem 37 Meter hohen Mittelschiff gehören zu den Wahrzeichen. Nach dem Dreißigjährigen Krieg war Wismar bis 1803 schwedisch verpfändet. Die geschlossen erhaltene Altstadt wurde 2002 gemeinsam mit Stralsund als Welterbe anerkannt.

  • Residenz 1256
  • Schwedisch bis 1803
  • UNESCO 2002

Stralsund

Stadt des Friedens von 1370 · Vorpommern

Stralsund liegt auf einer von Teichen umgebenen Insel am Strelasund, gegenüber von Rügen. Die Stadt erlebte zwischen 1330 und 1380 einen Bauboom, der die „Sundische Gotik“ hervorbrachte: Die Schaufassade des Rathauses am Alten Markt mit ihren durchbrochenen Giebeln und die dahinter aufragende Nikolaikirche bilden eines der eindrucksvollsten Ensembles der Backsteingotik. In der Nikolaikirche erinnern der Bergenfahrer-Altar und Gestühl der Nowgorodfahrer an den Fernhandel. Am 24. Mai 1370 wurde hier der Frieden mit Dänemark geschlossen, der die Hanse auf den Gipfel ihrer Macht hob. Wie Wismar war Stralsund von 1648 bis 1815 schwedisch. Die Altstadt ist seit 2002 UNESCO-Welterbe.

  • Frieden 1370
  • Sundische Gotik 1330–1380
  • UNESCO 2002

Lüneburg

Die Salzstadt im Binnenland

Lüneburg verdankt seinen Reichtum einem Salzstock unter der Stadt. Die Saline gehörte zu den größten Mitteleuropas und versorgte die Hanse mit dem Konservierungsmittel, das den Heringshandel in Schonen erst möglich machte. Über die Alte Salzstraße und ab 1398 über den Stecknitzkanal gelangte das Salz nach Lübeck. Lüneburg war eine der reichsten Städte der Hanse; davon zeugen das Rathaus mit Bauteilen aus sieben Jahrhunderten und die Giebelhäuser Am Sande. Die Saline produzierte bis 1980 – über tausend Jahre lang. Heute erzählt das Deutsche Salzmuseum im alten Siedehaus ihre Geschichte. Durch den Salzabbau senkt sich der Boden in der Weststadt, was manchen Fassaden eine sichtbare Schräge verleiht.

  • Stecknitzkanal 1398
  • Saline bis 1980
  • Salzmuseum

Greifswald

Universitätsstadt am Bodden

Greifswald entstand im 13. Jahrhundert als Gründung des Zisterzienserklosters Eldena, dessen Ruine später Caspar David Friedrich malte – der Maler wurde 1774 in Greifswald geboren. Die Stadt gehörte zum wendischen Quartier der Hanse und handelte vor allem mit Getreide, Hering und Salz. 1456 gründete Bürgermeister Heinrich Rubenow die Universität, nach Rostock die zweitälteste im Ostseeraum. Am Markt stehen giebelständige Backsteinhäuser der Spätgotik; der Dom St. Nikolai, die Marienkirche und die Jacobikirche bilden das Dreigestirn der Pfarrkirchen. Die Gründung der Europäischen Route der Backsteingotik fand 2007 in Greifswald statt – ein Hinweis darauf, wie zentral die Stadt für diesen Baustil ist.

  • Universität 1456
  • Kloster Eldena
  • Route der Backsteingotik 2007

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